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Ganz oben. Türkisch - Deutsch - Erfolgreich

ZDF Do 08.11.07, 00:45 Uhr

Ein Film von Neco Çelik

Heute leben 2,6 Millionen Türken und türkischstämmige Deutsche in Deutschland, die größte Bevölkerungsgruppe unter den Migranten. Die Arbeitslosenquote dieser Gruppe liegt bei mehr als 25 %. 18 % der 25- bis 34jährigen haben keinen Schulabschluss. Das Image der Türken ist schlecht, ihre Bildungschancen sind noch schlechter. 80 % der Türken fühlen sich benachteiligt und diskriminiert. Doch Fakt ist auch: Die Deutschtürken – die Kinder der Einwanderer – heute zwischen 25 und 50 Jahre alt, sind integrierter als im Allgemeinen angenommen. 75 % haben Arbeit und 82 % einen Schulabschluss. Heute gibt es 30.000 türkischstämmige Studenten an deutschen Hochschulen und inzwischen verdienen fast zwei Drittel der unter 30jährigen ihr Geld als Facharbeiter, Angestellte und Selbständige. Doch die Klischees sitzen tief. Ebenso wie die deutsche Öffentlichkeit die Misserfolge vieler Zuwanderer viel zu lange ignoriert hat, hat sie es versäumt, die beeindruckenden deutschtürkischen Aufsteigergeschichten gebührend zu feiern und zur Vorbildfunktion zu nutzen. Der Musikproduzent Mustafa Gündoðdu alias Mousse T. findet diese Entwicklung befremdlich und sagt: „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein, weil dies ein kreatives Land ist. Wenn ich Deutschland wäre, dann würde ich mir die Erfolge der Einwanderer an die Brust hängen.“ Mousse T. schrieb und produzierte für Tom Jones den Welthit „Sexbomb“, wurde aber bei der Echo-Verleihung noch nicht einmal erwähnt. „Man sieht mich nicht als deutschen Künstler.“ Doch seine türkische Fangemeinde in Deutschland wird immer größer. Seine Fans nennen ihn Abi – großen Bruder – und sind stolz, dass es ein Türke auf die ganz große Bühne geschafft hat.


Mousse T. ist einer dieser anderen „Almanci/ Deutschländer“. Sie sind hoch gebildet, unternehmerisch erfolgreich und interkulturelle Vorreiter. Eigentlich sollten sie die großen Vorbilder unserer Gesellschaft sein. Dennoch leben sie mit dem Konflikt und nicht selten der Verletzung, dass nicht selbstverständlich ist, was selbstverständlich sein sollte. Wer als deutscher Türke erfolgreich ist, wird diesen Erfolg nie als Normalität erfahren. Immer muss er auch für die nicht erfolgreichen Migranten oder Migrantenkinder sprechen. Der Sternekoch Ali Güngörmüþ ist nicht einfach nur ein exzellenter Koch, sondern gleichzeitig der Koch, der es in atemberaubender Geschwindigkeit geschafft hat, aus der Türkischen Provinz in den Himmel der Haut Cuisine aufzusteigen. Feridun Zaimoðlu ist nicht einfach nur ein guter Schriftsteller, sondern muss wie ein Politiker Auskunft über die Befindlichkeiten „seiner Leute“ geben. Umgekehrt müssen sich die „Almanci“ immer wieder auch gegenüber Ihren Familien und türkischen Mitbürgern rechtfertigen. Ihr Erfolg in Deutschland wird oft nicht anerkannt oder kollidiert mit den traditionellen türkischen Maßstäben und Erwartungen. Zaimoðlu: „Dieses Land hat mich zu dem gemacht, was ich bin, meinen Eltern habe ich es zu verdanken, Gott habe ich es zu verdanken, außerdem bin ich einer, der gerne flitzt, der gerne kämpft. Ich glaube, Deutschland macht solche Vögel, solche Leute wie mich überhaupt erst möglich.“

Kadriye Cýðýr, erfolgreiche Unternehmerin, hat den Traum der gelungenen Integration eines Gastarbeiterkindes gelebt. Sie geht aufs Gymnasium und studiert später BWL. Die Erfahrungen, die sie mit ihrem deutschen Umfeld macht, sind durchweg positiv. Zu Hause muss sie den Part der Dolmetscherin übernehmen und setzt sich dabei auch für

andere unterdrückte junge Frauen ein. „Die schlechten Erfahrungen habe ich nie mit den Deutschen gemacht, sondern immer nur bei meinen eigenen Landsleuten. Wenn man in einen solchen Konflikt gerät, dann heißt es nur noch rennen...ganz weit weg.“ Heute lebt und arbeitet sie vor allem in Wien und erlebt dort, dass ihre österreichischen und türkischen Mitbürger sie eher als Deutsche sehen – vor allem wegen ihrer akkuraten Art. Das sei das typisch Deutsche an ihr. Doch ihr Herz, sagt sie, das sei türkisch. 

In dem Spannungsfeld zwischen türkischer Herkunft und deutscher Lebensweise lebt auch der Autor Neco Çelik. Er beschreibt die „Deutschländer“ als tief verletzte, opportunistische Menschen, die ein Leben lang gegen Widerstände im Elternhaus sowie in der Mehrheitsgesellschaft kämpfen. In seinem Film spricht er mit den „Supertürken“ über ihre Gefühle, Einstellungen und Erfahrungen aus einem Leben zwischen allen Stühlen.




Erstausstrahlung:
Mi, 07.11.2007, 20:45, 3 Sat

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